Integrationsfachdienst (IFD) gGmbH

DIENSTPLÄNE NACH TAGESFORM

Die Diakonie Roth-Schwabach setzt sich für ihre schwerbehinderten Mitarbeiter ein

Andrea Jörissen ist Leiterin des Hauswirtschaftsbereichs des Alten- und Pflegeheims „Hans-Herbst-Haus“ und des Pflege-
heims „Am Wehr“ der Diakonie Roth-Schwabach.

In dieser Funktion hat sie seit 2011 Kontakt zu Integrations-
beraterinnen und -beratern aus Weißenburg und Nürnberg, Nadine Hartmann, Sebastian Lips und Dr. Renate Schäuble.

Dr. Renate Schäuble hat mit Andrea Jörissen jetzt ein Interview geführt, für das sie sich dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat. Aus der Sicht einer personalver-
antwortlichen Vorgesetzten gibt sie Antworten zu verschiedenen Aspekten im Umgang mit schwerbehinderten Mitarbeitern.



Renate Schäuble: Frau Jörissen, Sie haben vor sieben Jahren die Leitung der Hauswirtschaft der Altenheime “Hans-Herbst-Haus“ und „Am Wehr“ übernommen. Dazu gehören Bereiche wie Küche, Wäsche, Hausmeister oder das Essensausfahren für Kindergärten. Das ist sicher eine große organisatorische Aufgabe. Von Ihren 40 Mitarbeitern sind wie viele schwerbehindert?

Andrea Jörissen: Wir haben acht schwerbehinderte Mitarbeiter im Team, davon sind drei auf 450-Euro-Basis, also geringfügig beschäftigt.

Funktioniert das denn?

Man muss dazu genügend nichtbehinderte Mitarbeiter haben, die motiviert sind, das auszugleichen. Unser Küchenleiter, Herr Häusler, unterstützt mich in dem Bestreben, leidensgerechte Arbeitsplätze zu schaffen.

Mit welchen Behinderungsarten haben Sie zu tun?

Lernbehinderung oder z. B. Zustand nach Schlaganfall, in Folge auch der Umgang mit der Krankheit und die psychische Belastung. Noch Jahre nach einem Schlaganfall hat der Mitarbeiter beispielsweise immer wieder Angst vor einer Wiederholung.

Wie berücksichtigen Sie die behinderungsbedingten Einschränkungen bei der Verteilung der Arbeit?

Dienstpläne werden nach „Tagesform“ angepasst, individuelle Pausenregelungen sind notwendig. Ich beobachte diese Mitarbeiter, ob sie mit einer Tätigkeit überfordert sind und eine Pause benötigen oder kurzfristig eine andere Tätigkeit übernehmen sollen.

Wie kommen die nichtbehinderten Mitarbeiter damit zurecht und wie kommunizieren Sie die Einschränkungen?

Hier sind immer wieder Gespräche notwendig: Informationen über die Einschränkungen, warum z. B. zusätzliche Pausen notwendig sind, warum keine schweren Töpfe transportiert werden können. Bisher gab es keine Probleme, die Sonderregelungen wurden von allen akzeptiert.

Die Integration am Arbeitsplatz klingt bei Ihnen sehr zuversichtlich. Gab es auch schon Probleme, die nicht gelöst werden konnten, und sind Sie von den Menschen enttäuscht worden?
Das sind zwar nur einzelne Vorfälle, aber umso bitterer. Trotz offener Kommunikation kam es in einem Fall dazu, dass die betreffende Person nicht mit mir und Herrn Häusler das Problem besprochen hat, sondern im Gegenteil alles in Ordnung fand und dann zur Mitarbeitervertretung ging und sich dort beschwerte. Ich hatte mich auf meine Menschenkenntnis verlassen und war über dieses Verhalten sehr enttäuscht. Aber Menschen verändern sich auch im Laufe der Zeit.

Der finanzielle Zuschuss des Integrationsamtes deckt auch einen „außerordentlichen Betreuungsaufwand“ ab. Aus unserer Zusammenarbeit weiß ich, dass Sie während der Arbeitszeit immer ein Auge auf leistungsgeminderte Mitarbeiter haben, um Stresssituationen von Ihnen fernzuhalten. Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?

Unser Hausmeisterhelfer wird beispielsweise sehr schnell unruhig und weiß nicht, wo er zuerst anfangen soll, wenn spontan mehrere Aufträge eingehen. Ich erkenne das daran, wenn er einen hochroten Kopf bekommt und ungezielte Hektik zeigt. Ich nehme ihm dann die Entscheidung ab, was liegen bleiben kann und was sofort erledigt werden muss.

Unterstützung finanzieller Art alleine reicht nicht aus, Sie haben auch einzelne schwerbehinderte Mitarbeiter auf Behördengänge begleitet.

Das muss ich allerdings in meiner Freizeit tun. Meine schwerbehinderten Mitarbeiter sind im Umgang mit Behörden und Formularen oftmals sehr hilflos. Sie sagen das nicht, aber vermeiden das Beantragen von Leistungen, die ihnen zustehen. Aktuell habe ich einen schwerbehinderten Teilzeitmitarbeiter zu einem Sozialver-band zur Beratung begleitet und bin dann mit ihm die Unterlagen für die Beantragung einer Teilerwerbsminderungsrente durchgegangen. Durch die Teilrente ist ihm eine finanzielle Sorge genommen und er kann entspannter arbeiten.

Wie profitieren die schwerbehinderten Menschen von der Arbeit? Für viele lohnt es sich ja nicht unbedingt finanziell?

Die Arbeit stärkt das Selbstwertgefühl, weil sie etwas leisten. Das ist unschätzbar für die Psyche und wirkt sich auch im Privatleben aus. Durch die enge und gute Zusammenarbeit mit verschiedenen Integrationsberatern des IFD können wir neben der finanziellen Unterstützung auch Lösungen erarbeiten, um den Menschen Ängste zu nehmen und Leistungsdefizite sozial verträglich abzubauen. Meine schwerbehinderten Mitarbeiter sagen nicht immer direkt, was in der Arbeit nicht gut läuft. Manche Defizite wollen sie selbst nicht wahrhaben. Man muss dann sehr sensibel damit umgehen, damit sie sich nicht gekränkt fühlen.

Herr Häusler, Sie sind hier der Küchenleiter, wie schätzen Sie die Arbeit der schwerbehinderten Mitarbeiter ein?

Es gab vereinzelt Anfangsschwierigkeiten, bis manche schwerbehinderten Mitarbeiter sich eingewöhnt hatten und im Team wirklich integriert waren. Man muss ihnen auch manchmal Grenzen setzen. Vertrauen von beiden Seiten ist auf jeden Fall notwendig und die Unterstützung des ganzen Teams.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.



Die Bilder entstammen der Homepage der Diakonie Roth-Schwabach www.diakonie-roth-schwabach.de.
Sie wurden uns mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt.